Dir selbst kündigen
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Einleitung

Wie oft hast du schon neu angefangen?

Etwa 4 Minuten Lesezeit

Zu deinem Tag gehört ein kurzer Termin. Etwa eine Viertelstunde.

Wenn du angestellt bist, ist es die Morgenbesprechung, mit der dein Vorgesetzter den Tag eröffnet. Wenn du studierst, ist es die Vorlesung um acht, in der die Anwesenheit namentlich erfasst wird.

Diesen Termin lässt du nicht aus. Du bist schon ein paar Minuten vorher da. Auch wenn du spät ins Bett gegangen bist. Auch wenn es kalt ist. Auch wenn es eigentlich keinen Grund gibt, dort zu sein.

Und jetzt stell dir vor, du fehlst. Einmal, dann wieder. Dann wird das Fernbleiben zur Gewohnheit.

Was passiert? Ein Abzug vom Gehalt. Dann Zweifel beim Vorgesetzten: Kann man sich auf ihn verlassen? Als Student weißt du, worauf es hinausläuft: keine Zulassung zur Prüfung.

Dabei geht es nicht nur um die Viertelstunde. Es geht darum, was sie über dich aussagt: Wenn du nicht einmal eine Viertelstunde am Tag einhalten kannst, wie willst du jemanden davon überzeugen, dass du die übrigen acht Stunden bewältigst? So denkt der Vorgesetzte. Und wir verstehen diese Logik vollkommen, solange sie von außen kommt.

Jetzt dreh den Spiegel ein wenig.

Zu deinem Tag gehören noch andere kurze Termine. Eine Viertelstunde oder weniger. Du hast sie dir selbst versprochen, nicht deinem Vorgesetzten: ein kurzer Spaziergang vor der Arbeit, zehn Seiten vor dem Schlafengehen oder jeden Abend ein Anruf bei deiner Mutter.

Wie oft hast du sie diese Woche versäumt?

Wie oft hast du gesagt: „Am Monatsanfang fange ich an“, und das Geld, das du sparen wolltest, schon vor der Monatsmitte ausgegeben? Wie oft hast du das Buch neben das Kopfkissen gelegt und dann doch nach dem Handy gegriffen? Wie oft hast du deiner Familie einen gemeinsamen Abend versprochen und warst, als es Abend wurde, nur mit deinem Körper anwesend? Und wie oft hast du dasselbe Versprechen mit denselben Worten wiederholt, als könnte sich dein Gegenüber nicht an das letzte Mal erinnern? Du erinnerst dich. Du weißt, welchen Termin du hast verstreichen lassen. Und du kennst das Gesicht dessen, der auf dich gewartet hat, als du wieder gesagt hast: Morgen.

Diese gebrochenen Versprechen haben dich nicht nur Zeit gekostet. Sie haben dir den klaren Morgen genommen, den dein Schlaf dir geben sollte. Beim Lernen eine Lektion, die du in Ruhe hättest verstehen können. Zu Hause ein Zusammensein, das nicht wiederkam. Dann haben sie dir etwas Leiseres genommen: das Vertrauen in dein eigenes Wort. Du hörst dich „Ich werde es tun“ sagen und wartest schon auf die Ausrede, die danach kommt. Wenn du einen neuen Plan aufschreibst, zweifelt etwas in dir bereits daran, bevor du anfängst. Diesen Preis zahlst du auch dann, wenn niemand dir einen Vorwurf macht. Wie viele Versprechen kannst du also brechen, bis dein Wort für dich nur noch ein Vorschlag ist?

Wenn deine Antwort lautet: „So oft, dass ich es nicht mehr zähle“, bist du nicht allein. Und du bist auch nicht unbedingt faul oder willensschwach.

Sieh dir den Unterschied zwischen den beiden Terminen an. Der Termin, den du nicht versäumst, hat eine sichtbare Form: eine feste Uhrzeit, eine Einladung im Kalender und jemanden, der die Anwesenheit erfasst. Der Termin, den du versäumst, hat alles außer genau dem. Kein Abzug, kein Blick, kein Name auf einer Liste.

In einer bekannten Studie verfolgten zwei Ökonomen das Verhalten Tausender Mitglieder amerikanischer Fitnessstudios1. Wer ein Monatsabonnement wählte, zahlte mehr als 70 Dollar im Monat und ging im Durchschnitt etwa 4,3-mal hin. Damit kostete ein Besuch mehr als 17 Dollar. Mit einer Karte für einzelne Besuche wären es 10 Dollar pro Besuch gewesen.

Sie zahlten nicht für den Sport. Sie zahlten für den Menschen, zu dem sie ihrer Vorstellung nach werden würden.

Das Problem ist also nicht, dass du nicht weißt, was du tun solltest. Du weißt es sehr gut.

Doch eine Übersichtsarbeit, die Hunderte von Forschungsergebnissen zusammenführte, ergab: Die Absichten von Menschen erklären im Durchschnitt etwa 28% der Unterschiede in ihrem Verhalten2. Die Absicht ist wichtig. Aber sie allein zeigt nicht, was zwischen Versprechen und Handlung geschieht: Gewohnheit, Ort, Müdigkeit und ein Gefühl, das wir nicht benennen.

Motivierende Vorträge können deinen Wunsch nach Veränderung wecken. Doch aufwachen ist das eine. Dranbleiben ist das andere. Dafür brauchst du Schritte, die in deinen Tag passen, und nicht die Begeisterung einer einzigen Nacht. Dich selbst fertigzumachen kann dich kurz antreiben und dann erschöpfen.

Noch schwieriger ist, dass es nicht immer angenehm ist, mit den eigenen Gedanken allein zu bleiben.

In einem Experiment, das in der Zeitschrift Science veröffentlicht wurde, saßen Freiwillige eine Viertelstunde allein3. Kein Handy, kein Buch. Nur ihre Gedanken. Sie sollten sich durch Nachdenken beschäftigen. Neben ihnen befand sich ein Knopf, mit dem sie sich einen leichten Stromschlag versetzen konnten, den sie zuvor schon ausprobiert hatten.

Unter denen, die erklärt hatten, sie würden Geld dafür bezahlen, diesen Stromschlag nicht noch einmal zu bekommen, drückten zwei Drittel der Männer und ein Viertel der Frauen den Knopf. Ein Mann drückte ihn 190-mal.

Einige entschieden sich für den Stromschlag, während sie mit ihren Gedanken dasaßen. Die Viertelstunde, die wir für den Vorgesetzten freihalten, können manche von uns nur schwer allein in einem Zimmer verbringen.

Auch außerhalb dieses Zimmers gibt es Fragen, die wir aufschieben. Wir fangen immer wieder neu an und setzen uns kein einziges Mal hin, um zu fragen: Warum habe ich beim letzten Mal aufgehört?

Dieses Buch ist die Viertelstunde, vor der wir fliehen: ein ehrliches Gespräch mit dir selbst, in der Sprache der Psychologie. Dazu kommen, zwischen den Kapiteln, Worte, die viel älter sind als die Psychologie. Sie beleuchten denselben Gedanken von einer anderen Seite.

Die Menschen, denen du in den Kapiteln begegnen wirst, sind keine dokumentierten Fälle aus einer Praxis oder Studie. Es sind Figuren, zusammengesetzt aus Situationen, die viele erlebt haben. Sie machen den Gedanken greifbar. Und vielleicht ähneln sie dir mehr, als dir lieb ist.

Versuche auch nicht, das ganze Buch umzusetzen. Genau das ist eine der Fallen, denen wir begegnen werden. Lies es in Ruhe. Dann wähle ein Kapitel, in dem du dich besonders wiedererkennst, und ein Werkzeug daraus. Fang damit an. Der Rest kann warten.

Ich werde dich nicht bitten, zum tausendsten Mal neu anzufangen. Ich bitte dich um etwas, das ein wenig schwieriger ist: Bleib bei dir selbst bis zum Ende von Kapitel 1.

Seit wann ist es normal, dass du in deinem eigenen Leben fehlst?

Und du wirst nicht allein lesen. Wir begleiten zwei Menschen ein ganzes Jahr lang, vom Ende des Sommers bis zum Ende des nächsten Sommers: Karim, der zum ersten Mal sein Elternhaus verlässt und einen Umschlag mitnimmt, den er nicht öffnen will. Und Lina, die Buchhalterin, die seit Jahren etwas aufschiebt, das sie liebt, und ein Heft hat, das niemand sehen soll. Die beiden kennen einander nicht. Auf jeden wartet ein Jahr, das anders verlaufen wird als geplant.

Quellen (3)
  1. 1DellaVigna, S., & Malmendier, U. (2006). Paying not to go to the gym. American Economic Review, 96(3), 694–719.
  2. 2Sheeran, P. (2002). Intention–behavior relations: A conceptual and empirical review. European Review of Social Psychology, 12, 1–36.
  3. 3Wilson, T. D., Reinhard, D. A., Westgate, E. C., Gilbert, D. T., Ellerbeck, N., Hahn, C., Brown, C. L., & Shaked, A. (2014). Just think: The challenges of the disengaged mind. Science, 345(6192), 75–77.